Free – Kostenlos

Wir leben in einer digitalen Welt. Die Generation, die heute heranwächst, sieht es als selbstverständlich an, dass Angebote im Internet kostenlos verfügbar sind. Gerade die Musikindustrie bekommt das schmerzhaft zu spüren. Und die klassische Verlags- und Medienbranche versucht immer wieder – meist mit mäßigem Erfolg – Online-Inhalte gegen Entgelt anzubieten.
Kann es aber funktionieren, Produkte zu verschenken und trotzdem Geld zu verdienen?
Titel: Free – Kostenlos: Geschäftsmodelle für die Herausforderungen des Internets. Von Chris Anderson.
Aus dem Inhalt:
Vieles gibt es im Internet völlig kostenlos. Dies verändert grundlegend Kaufverhalten und Mentalität der Konsumenten: Warum zahlen, wenn man Produkte auch umsonst kriegen kann? Unternehmen können von dieser “Free”-Mentalität aber letztlich auch profitieren. Ein Beispiel ist IBM, die Software verschenken und die dafür nötige Hardware verkaufen. Der Reiz und letztlich das Profitable am “Konzept Kostenlos” ist also: Unternehmen machen sich bekannt und werben neue Kunden – kostenlose Produkte sind letztlich ein ideales Marketinginstrument.
Meine Meinung zu diesem Buch:
Der Autor
Chris Anderson ist Chefredakteur beim US-Magazin “Wired”. Vor etwa 2 Jahren hat er sich mit seinem Buch “The Long Tail” einen Namen gemacht: Die Macht der Nischenmärkte in Zeiten des Internets und deren Auswirkungen auf die Massenmärkte. In seinem neuen Werk geht er noch einen Schritt weiter: Er propagiert das Geschäftsmodell “Kostenlos” und behauptet, dass Unternehmen Möglichkeiten haben, trotz eines paradox anmutenden Preises von 0,- Euro Geld zu verdienen. Ich habe die englische Originalfassung des Buches gelesen, welche wunderbar ergänzt wird durch die kostenlose Audioversion, die sich auf der Webseite des Autors herunterladen lässt.
Die Geschichte von “Kostenlos”
Anderson geht zunächst auf die historische Bedeutung des Begriffs “Kostenlos” ein und zeigt, welche Geschäftsmodelle es bereits in der Vergangenheit gab, die auf dem (Quasi-)Verschenken von Produkten beruhten. In vielen Fällen handelt es sich dabei um quersubventionierte Produkte oder um versteckte Rabatte:
- Bezahlte Produkte subventionieren kostenlose Produkte. Beispiel Gillette: Rasierer werden verschenkt oder billigst verkauft, die notwendigen Klingen bringen das Geld
- “Später bezahlen” subventioniert “Jetzt kostenlos”. Beispiel Mobilfunk: Die Handy’s werden praktisch verschenkt, der damit verbundene Vertrag kostet später Geld.
- Bezahlende Kunden subventionieren nichtbezahlende Kunden. Beispiel: Kinder haben in einem Museum freien Eintritt, aber nur in Begleitung eines voll zahlenden Erwachsenen.
Im Regelfall war oder ist also ein Gut nicht wirklich kostenlos, sondern man bezahlt auf die eine oder andere Art. Dies ist, was Anderson das “Kostenlos-Modell” des 20. Jahrhunderts nennt. Es geht meist um greifbare Produkte, also um die Welt der Atome, in der die Produktion und Verbreitung in der Regel immer mit realen Kosten verbunden ist.
Gerade der letzte Punkt in der oben genannten Liste findet sich heute oftmals als sogenanntes Freemium-Modell im Internet wieder. Eine Basisversion eines Produkts ist kostenlos (“free”), eine Premiumversion mit erweiterter Funktionalität muss hingegen bezahlt werden.
“Kostenlos” in der digitalen Welt
Wie sieht es nun in der Welt der Bits und Bytes aus? Produkte, die in digitaler Form vorliegen, lassen sich mit Grenzkosten von Null anbieten. Eine hohe Verbreitung eines Produkts lässt sich damit praktisch ohne Kosten erreichen. Anderson spricht hier vom “Kostenlos-Modell” des 21. Jahrhunderts. Das führt auf der anderen Seite aber auch dazu, dass für rein digitale Produkte oftmals nichts bezahlt wird (oder bezahlt werden will). Wenn schließlich etwas in der Herstellung nichts kostet, warum sollte man dafür Geld ausgeben?
Damit landet Chris Anderson beim Thema Produkt-Piraterie. Selbstverständlich geht er nicht so weit zu behaupten, Piraterie wäre richtig, aber er liefert einige interessante, wenn auch nicht völlig neue Aspekte. So wird bei Produkt-Piraterie, wie z.B. bei illegal zum Download angebotener Musik, dem legitimen Anbieter nichts gestohlen – zumindest nicht im klassischen Sinn. Er ist nach wie vor im Besitz des Musikstücks in Form einer MP3-Datei. Das Produkt wurde lediglich kopiert und auf diese Weise weiterverbreitet. Dem Rechteinhaber entgeht also schlimmstenfalls ein unbestimmter Gewinn.
Die neuen Währungen
Wenn der Produzent also hier nichts verdient: Was wäre, so Anderson, wenn er sich statdessn diese kostenlose Weiterverbreitung zu Nutze macht? Er gewinnt also an Aufmerksamkeit, Reputation und Bekanntheit. Und dass sich diese neuen “Währungen” in bares Geld umsetzen lassen, dafür führt Anderson zahlreiche Beispiele auf.
So etwa eine brasilianische Band, die ein neues Album aufnimmt und dieses auch auf CD verkauft. Gleichzeitig unterstützt sie aber die massenhafte Verbreitung von Kopien und selbst gebrannten CD’s, an denen die Musiker keinen Cent verdienen. Wozu also das Ganze? Die Band gewinnt Aufmerksamkeit und sorgt durch die kostenlose Verbreitung des Albums für einen rasend wachsenden Bekanntheitsgrad. Diese Bekanntheit zahlt sich aus in ausverkauften Konzerten, was für diese Band ansonsten niemals in so kurzer Zeit und mit so geringem Aufwand möglich gewesen wäre.
Die kostenlose Weggabe eines Produkts – hier der Musik-CD’s – führt zu einer gesteigerten Nachfrage bei anderen Produkten – den Konzerten und dem Merchandising.
Interessant ist auch die psychologische Wirkung von “Kostenlos”. Es macht einen riesengroßen Unterschied, ob ein Produkt nur 1 Cent kostet oder gar nichts. Egal wie niedrig der Preis ist, er zwingt die Menschen zu einer Kaufentscheidung. Bei einem Null-Preis entfällt diese Entscheidung und damit wird ein viel größerer Konsumentenkreis erreicht (zu diesem Thema empfehle ich übrigens das Buch “Denken hilft zwar, nützt aber nichts” von Dan Ariely).
Die Aufmachung des Buchs
Die mir vorliegende englische Taschenbuchausgabe Free: The Future of a Radical Priceumfaßt insgesamt 274 Seiten. Ein sauber strukturiertes Inhaltsverzeichnis sowie ein Verzeichnis aller Abbildungen geben einen ersten Überblick über das Buch.
Die einzelnen Kapitel werden immer wieder aufgelockert durch Übersichten und Grafiken, die konkrete Beispiele und Kalkulationsmodelle für das Kostenlos-Prinzip darstellen.
Das Buch wird abgerundet durch eine Aufstellung von Regeln und Taktiken, die es für eine erfolgreiche Umsetzung des Kostenlos-Modells zu beachten gilt.
Schließlich bringt Anderson zum Schluß noch eine beispielhafte Liste mit 50 Geschäftsmodellen, die auf dem Kostenlos-Prinzip aufbauen.
Mein abschließendes Urteil
Ein sehr interessantes Werk, auch wenn es meiner Meinung nicht ganz an Andersons erstes Buch “The Long Tail” heranreicht. Vieles ist nicht neu, erscheint aber in der beschriebenen Konsequenz oftmals in einem anderen Licht. Auch wenn man sicherlich nicht mit allen Thesen übereinstimmen kann, liefert das Buch viele wertvolle Denkanstöße.
Interessante und teils provokante Vorschläge. Lesenswert!
Bewertung:
4 von 5 Lesezeichen
Diese Rezension hat Dir gefallen?
Dann abonniere doch den Blog-Feed!
Free – Kostenlos: Geschäftsmodelle für die Herausforderungen des InternetsChris Anderson. 304 Seiten. Erschienen im Campus Verlag
Andere Infos und Rezensionen zu diesem Buch im Internet:
- Die kostenlose Hörbuchversion zum Download
- Rezension auf buchtest.de
- Buchvorstellung bei Carta: Chris Anderson – Free
Beiträge, die Sie auch interessieren könnten:
- The Long Tail. Nischenprodukte statt Massenmarkt
- Fachbücher kostenlos online lesen
- Wikinomics. Die Revolution im Netz
- Stars des Internets
- Was würde Google tun
Kommentare
Einen Kommentar hinterlassen








Mein Name ist Martin Weiß. Ich bin ein Büchernarr und schreibe hier meine ganz persönliche Meinung über Bücher, die ich für lesenswert halte. Und die ich tatsächlich auch selbst gelesen habe.
Viel Spaß!




